Die Königin von Kühlungsborn.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Kokos will ich!, rufe ich durch den Raum, Kokos und eine Krone! Wieso sich für etwas Besseres aufsparen, sage ich noch, und schiebe mir einen Schokoladenball nach dem anderen in den Mund. Eine kleine Träne tropft mir aufs Knie. Drachenfrucht, Kiwi, Banane, alles einerlei, wenn ihr es so schön herschneidet im Upstalsboom. Mit der Schokolade im Mund trete ich auf den Balkon, ich sehe Kühlungsborn, das Meer und die Leute auf dem Balkon unter mir und wie aus Übermut strecke ich die Arme in die Gegend, die Königin von Kühlungsborn, heute siezt ihr mich, ihr Kleinen. He, schreit noch einer von unten herauf als Beschwerde, aber ich bin im Raum, ich reiße das Plastik von meinem Bademantel, dann auch meine Klamotten vom Leibe, königlich bin ich, und es ist Zeit für den Wellnessbereich. Da tönt ein kleines Stimmchen an mein Ohr: Juli, ruft mein Reisekumpan Andreas, wir müssen los, sagt er und ich rufe noch einmal – vivat, crescat, floreat – und hinein in den Hotelpool mit uns.

Man dürfe die Hände nicht auf das Holz in der Sauna legen, ermahnt mich der Alte, und ich sage, meine Hände sind aus Gold, ich darf sie hinlegen, wo ich will, du Scharlatan! Er erschrickt. Bevor sein runzliges Gesicht aus Scham auseinanderfällt, rennt er weg, aus dem Hotel hinaus, auf die Straße. Ich bleibe, kurz danach ist es zu warm. In vino veritas!, rufe ich meinen Gefährten zur Begrüßung im Frühstückssaal zu. Sie winken, auch sie sind erhaben. Einen Pancake tische ich auf, ein Rührei, drei Gläser voller Saft, voller Sekt, voller Champagner, der sich edel in meine Kehle zwingt. Kellner, rufe ich noch, vielleicht haben Sie ja noch etwas zum Nachtrinken? So schnell habe ich nie jemanden rennen sehen, nie einen Kellner und nie meinen Kumpanen Andreas, der zum Buffet sprintet.

Plötzlich überschwemmt mich die kalte Panik. Ich bitte dich, sage ich zu mir selbst, jetzt hast du dich aber überschätzt! Und noch während mir der Lachs im Gaumen hängt, trifft mich der erste Blick eines Wissenden wie ein Baseballschläger auf den Hinterkopf. He, Sie!, schreie ich den Alten an. Er beobachtet meinen Teller, meine Hände, sogar meinen Kaffee. Jetzt beginnt es zu pulsieren: He, Sie!, rufe ich, nun etwas kleinlauter, mein Reichtum schwindet, es ist bald Zeit, Upstalsboom zu verlassen, der Alte stiert mich an, er hat meine Blendung durchschaut. Der Alte wird an meinen Tisch kommen, er wird mich am Schopf packen und auf die Straße ziehen, wo die Reichen einer neben dem anderen stehen werden, den adligen Blick auf uns gerichtet, und der Alte wird mir mit seinem Golfschläger ordentlich eine überziehen. Wenn ich dich erwische, sagt allein sein Blick auf meinen Kaffee, prügle ich dir den Luxus rückwärts rein! Aber soweit ist es nicht für mich gekommen, rogo te!, ich bitte dich, sage ich mir selbst, dann verschlinge ich auch den letzten Happen Schinken, wer weiß, wann wir das nächste Mal essen. Dem Alten werfe ich eine Gabel auf die Hand.

Im Zimmer angekommen beginnt meine Flucht. Ich stülpe mein elendes Gepäck in die Tasche, stecke ein, was mir vor die Finger kommt, den Stift, den Notizblock, sogar den persönlichen Brief, den das Hotel an mich adressiert hat, um meinen kurzweiligen Reichtum beweisen zu können. Für die Handtücher habe ich keinen Platz. Da klopft es, bitte das Zimmer verlassen, der Nächste will rein. Der Nächste wird schon im Fahrstuhl fahren, er wird die Drei schon gedrückt haben, mit seinem edlen Finger, und ich werde noch hier stehen, wenn er kommt, mit seiner Zimmerkarte, in dem Moment, in dem er den Raum betritt, der kurz unserer und dann gleich seiner ist. Der Nächste wird auf die Etagere blicken und dann wird er sehen: Aha! Hat sie also die Etagere aufgegessen! Und Gnade mir Gott, wenn ich nur Zähne aus Kruppstahl hätte, würde ich mir sogar dieses Eisen zwischen die Lippen biegen!

Ihr Kleinen!, rufe ich den Reichen zum Abschied missmutig zu, so also seht ihr aus hinter eurem Reichtum! Meine Kumpanen und ich schwingen uns aufs E-Bike, lassen unseren Luxus zurück, im Modus 5 über Wiesen und Wälder, wir fliegen auf diesen Bikes, der Wind weht mir kalt ins Gesicht, Andi lächelt noch, bevor er fast gegen einen Baum fährt. “Macht nichts”, ruft er fröhlich, und ich rufe durch die Natur, durch den Waldweg, ganz schrill rufe ich: “Jaja, mein Kumpan, so ist es, die jungen Personen haben immer am wenigsten Schmerzen!” Bis wir da sind, am Herrenhaus, 28 Zimmer!, erklärt uns die Hauseignerin Pocahontas-Antje und Andreas, der Künstler, steht neben ihr, erklärt, er mache alles, außer Mafia. Wir lachen, wir trinken einen Apfelsaft! Exquisit, dieses Haus, schmeichelt mein Kumpan Andi dem Andreas, danach tauschen wir verstohlene Blicke: Wir sind in einen weiteren, angenehmen Luxus geraten.

Bach, überlegt die Tochter des Hauses, sie spielt bezaubernd Klavier, und meine Kumpanen sind ganz aufgewühlt von dieser bezaubernden Musik, die durchs Herrenhaus und unsere Herzen strömt. Weint nicht, will ich ihnen raten, die Schönheit der Natur ist unersättlich! Aber es hilft nichts, sie weinen in Strömen, sie weinen das ganze Herrenhaus voll. Jemand wird sich bald beschweren, denke ich, zum Glück, dass unsere E-Bikes über den Modus 5 verfügen. Dann eile ich hinaus in die Natur, in der ich mir ein ruhiges Plätzen suche, um endlich meinen Gefühlen einen freien Lauf zu lassen. Als ich denke, schöner kann es nicht werden, passiert das Unfassliche: Eine Katze schmiegt sich gegen mein Bein und mit gegen meine ich: gewaltsam! Verschwinde!, rufe ich ihr zu. Verschwinde, denn sole lucet omnibus, die Sonne scheint für uns alle, so auch für mein Bein. Sie verschwindet tatsächlich, damit habe ich nicht gerechnet. Kurz danach setze ich meine Lesebrille auf, um meine Tränen der Freude zu verbergen, wie ich meine Kumpanen am Eingang des Herrenhauses beobachte: Elena, die Österreicherin, keinen schlechten Gedanken im Kopf, herrlich, Daniela, die Italienerin, eine Unermüdliche, Emilie, die Dänin, die noch großen Erfolg beim Angeln haben wird, Teresa, die Unbeirrbare, die uns durch die tiefsten Tiefen Mecklenburg-Vorpommerns führt und ihre treue Begleitung Burcin, Maximo, der spanische Kumpan und Blumenliebhaber, aber von all dem, was uns noch in Rostock erwartet, wissen wir noch nichts im Herrenhaus. Ich flüstere leise in die Nacht, in den Sternenhimmel: Amantes, amantes. Ein flauer Sommerwind trägt die Übersetzung in die Ferne: Liebende sind Rasende. Einmal schluchze ich bedeutend, dann falle ich lachend in einen tiefen Schlaf.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: